Schulen der Zukunft

17.08.2017

Der Titel der Veranstaltung war ambitioniert: «Schulen der Zukunft». Die beiden Referenten zeigten sich der Vorgabe aber gewachsen. Frank Brückel und Jürg Brühlmann gingen die Thematik mit wissenschaftlicher Neugier und eigenen Beobachtungen an, ihre Vorträge waren hochspannend.

Die Gäste traten im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Schule verstehen» auf. Die Adressaten der von Prorektorin Hanja Hansen initiierten Reihe sind Schulbehördemitglieder. Frank Brückel, Dozent an der PH Zürich, ortete zwei Grundprinzipien in der Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte: 1. Bildung ist unser höchstes Gut; 2. Gleichberechtigung von Mann und Frau. Statistisch gesehen, so Brückel, dauert die durchschnittliche Schulkarriere von Frauen in der Schweiz heute länger als diejenige der Männer. Das sei in den siebziger Jahren noch umgekehrt gewesen. In 90 Prozent der Fälle seien heute beide Elternteile erwerbstätig. Die Schweiz liege in Europa betreffend Anzahl erwerbstätiger Frauen hinter Luxemburg an zweiter Stelle. Trotz dieser Entwicklung steigen laut Brückel auch die Kinderzahlen, was bedeutet: Beruf und Familie müssen vereinbar sein. In der Stadt Zürich beträgt das durchschnittliche Alter von Frauen bei der Erstgeburt 33,9 Jahre!

Fordernde Eltern 

Brückel zeigte auf, dass sich diese Tendenz – beide Eltern arbeiten ausser Haus und beide sind gebildet – auch auf die Schule auswirkt. Je besser gebildet die Eltern seien, umso stärkere Forderungen an die Schule stellten sie. Die Schule müsse ihr Tun mehr legitimieren als früher. Leitbilder, Schulprogramme oder Websites seien die Folge. Die Schule habe sich dem neuen Lebens- und Arbeitsrhythmus der Gesellschaft angepasst und präsentiere sich darüber hinaus mehr denn je in der Öffentlichkeit.

Mit diesem Trend einher geht gemäss Brückel der sprunghafte Anstieg von Ganztagesangeboten in der Betreuung von Schulkindern. Die Erziehungsberechtigten erwarteten indes implizit, dass die Kinder ihren Vorstellungen entsprechend betreut würden – die Schule sei da zu einem Spagat zwischen verschiedenen Wertvorstellungen gezwungen. Der Referent unterliess es nicht, kritisch anzumerken, dass die «Primetime» der Eltern, wenn dann alle zu Hause seien, oft nicht dem Klischee der Familienidylle entspreche. Wirklich für die Kinder da zu sein sei nicht identisch mit dem Ins-Smartphone-Starren.

Schule = Lebensraum

Jürg Brühlmann, Leiter Pädagogik beim Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz, beschrieb in seinen Ausführungen die immer stärkere Personalisierung in der Bildung. Entsprechend der Tendenz in der Wirtschaft werde auch in der Schule das Angebot immer stärker auf den Einzelnen zugeschnitten. Vom Seriellen zum Individuellen: Die Industrie habe dies in den letzten hundert Jahren vorgemacht. Heute, so Brühlmann, sei Schule = Lebensraum. In Neuseeland habe er eine Schule besucht, welche sich in einem Geschäftshaus eingemietet habe. Die beobachtete Personalisierung bedeute für die Lernenden aber auch, dass sie Verantwortung für ihr Lernen übernehmen müssten. Dies münde dann beispielsweise in Kompetenzraster, die von den Schulen aufgestellt würden.

Lernen in «Sozialräumen»

Brühlmann skizzierte in der Folge einige Szenarios der weiteren Entwicklung. Das Lernen werde zukünftig vermehrt in «Sozialräumen» stattfinden – mit lokaler Betreuung (Assistenten/-innen) und ganztägiger Abdeckung. Des Weiteren ist laut Brühlmann zu erwarten, dass Bildungsprozesse stärker digital gesteuert werden: mit Hilfe von Tutorials und allenfalls roboterähnlichen Hilfen. Lehrmittel würden auf Plattformen und im Abonnement angeboten. Schliesslich geht der Referent davon aus, dass sich in der Bildung eine Debatte über die Finanzierung entwickeln wird: Wer bezahlt? Brühlmanns Erwartung: Es gibt eine Tendenz hin zur Privatisierung. Der «Service public» umfasst nur noch die schulischen Grundleistungen wie Schreiben, Rechnen, Lesen. Häggenschwil (SG) macht es vor: Die Sekundarstufe 1 wird seit ein paar Jahren von einer Privatschule betrieben.