Heimatland

20.09.2017

Heimat ist positiv besetzt. Das wurde am letzten Anlass der Vortragsreihe «Ankommen» des Vereins PHSH bald klar. Darüber hinaus weckt der Begriff aber viele verschiedene Assoziationen, wie eine Untersuchung des Stapferhauses Lenzburg zeigt.

Die Einführung zum gemeinsamen Nachdenken über Heimat machte PHSH-Rektor Thomas Meinen. Er wies in seinem Votum auf die globale Vernetzung hin: «Wir können gar nicht mehr weg, weil wir überall mit allen verbunden sind.» Heimat kann, so gesehen, überall sein.

Sibylle Lichtensteiger, Leiterin des Stapferhauses in Lenzburg, wollte es genauer wissen. Zusammen mit ihren Mitarbeitenden befragte sie tausend Menschen in der Schweiz, was für sie Heimat sei. Der originelle Zugang: Sie führten die Befragung auf Chilbiplätzen durch. Genauer: auf einem gemieteten Riesenrad. Den Interviewten wurde eine Gratis-Fahrt offeriert. Dafür standen sie während der Fahrt in der Gondel Red und Antwort.

An Menschen und Sprache gekoppelt

Dass Heimat an Menschen und Sprache gekoppelt ist - darin sind sich fast alle einig. Die Antworten streuen in andern Bereichen, bei «Orte auf der Landkarte» etwa. Auf die Frage, ob die Heimat bedroht sei, antwortete die Hälfte mit Ja. Bei der Auflistung von Bedrohungsfaktoren zeigt sich ein Links-rechts-Schema: Linke halten Naturzerstörungen für die grösste Bedrohung, Bürgerliche orten die Bedrohung in fremden Kulturen.

Die Referentin stellte zwei Protagonisten ins Zentrum. Da war zum einen Marco Meurer, ein «digitaler Nomade», wie er sich selber nennt. Meurer, während des Skype-Interviews in Brasilien, strahlte in geradezu penetranter Art Selbstsicherheit aus. Seine Sicht: «Heimat ist der Ort, wo ich gerade bin.» Er nennt sich «kosmozentrisch» und gibt an, in seinem Leben so weit gekommen zu sein, weil er hart arbeite. Weil Heimat da sei, wo er sich wohl fühle, und er sich überall wohl fühle, sei auch Heimat überall.

«Ich muss Beziehungen knüpfen»

Ali Hassan, Flüchtling aus Eritrea, war das Gegenbeispiel. Er sagte, Heimat sei durch drei Faktoren bestimmt: durch Mutter, Vater und das Herkunftsland. Der Eritreer scheint entwurzelt, weil er alle drei zurücklassen musste. Nach seiner Flucht über Jemen, die Türkei, Griechenland und Italien ist er schliesslich in der Schweiz gelandet. Er weiss, dass er viel arbeiten muss, um sich hier zu integrieren. «Ich muss Beziehungen knüpfen, um hier eine Heimat zu finden. Manchmal kenne ich ein paar Leute in der Migros», so Ali Hassan. 

Welches sind die zentralen Fragen? Sibylle Lichtensteiger nannte drei: «Wer sind wir? Was gehört sich hier? Und: Wer darf bleiben?» Und: Heimat, das sei manchmal auch eine Grenzerfahrung. Gerade Chilbiplätze stünden in der Regel ja für Fremdländisches, Absonderliches. Ein guter Ort zum Nachdenken also. «Heimat ist dort, wo man keine Angst haben muss» - ein Satz des ehemaligen Bundesrats Willi Ritschard.

«Grenzerfahrungen»

Anschliessend an das Referat folgte ein Podiumsgespräch. Kurt Zubler, Geschäftsstellenleiter von Integres, betonte die Bedeutung von Sicherheit. Sicherheit sei zentral für das Heimatgefühl. Anna Brügel, Bereichsleiterin Sprache und Integration beim Schweizerischen Arbeiterhilfswerk, griff den von Lichtensteiger verwendeten Begriff «Grenzerfahrungen» auf. Sie erfahre die Grenzen der Schweiz seit einigen Jahren, weil sie diesen entlangwandere. Das Prozesshafte tauchte auch im Votum von Bettina Looser auf. Die Bereichsleiterin Heterogenität an der PHSH erklärte, Heimat sei immer auch eine Momentaufnahme. Das Gefühl für Heimat könne sich wandeln.

Einen interessanten Aspekt fügte schliesslich noch Sibylle Lichtensteiger an. Älter werden heisse oft auch, Heimat zu verlieren, weil sich die Welt wandle. Dem pflichtete Zubler bei: «Heimat ist auch Sehnsucht nach dem, was zurückliegt und eventuell verloren ist.» Es kommt folglich auf die Perspektive an. Die Perspektive von Neuankömmlingen, so Looser, sei durch die Migrationsgeschichte bestimmt: «Zu Hause war ich jemand, hier kann ich jemand werden.»

Die Schlussvoten der Podiumsteilnehmer/-innen suggerierten: Heimat verlangt Akzeptanz, Beziehungen, aber auch Ressourcen.