Wünsche und Realitäten

13.09.2017

Wünsche und Realitäten sind nicht immer deckungsgleich. Diese Binsenwahrheit gilt auch bei der Integration von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund. Der zweite Anlass des Vereins PHSH zum Thema «Ankommen» zeigte dies deutlich.

Eingeladen waren: Ilham, 18-jährig, Afghane, Aufenthaltsbewilligung (Status B). 2015 in die Schweiz gekommen,  lebt hier mit seiner Familie (Eltern und Geschwister).

Ebenfalls eingeladen: Nazir, 18-jährig, Afghane, Asylsuchender (Status N). 2015 in die Schweiz gekommen, lebte etwa ein Jahr lang bei einer Gastfamilie, jetzt allein.

Und schliesslich: Siad, 29-jährig, Syrer, Aufenthaltsbewilligung (Status B). 2011 in die Schweiz gekommen, lebt allein.

Drei junge Männer also, die das Leben in den Kanton Schaffhausen geführt hat. Repräsentativ für viele andere, die auf der Flucht hierher gekommen sind? Vielleicht, wir wissen es nicht. Sie wurden befragt von Nicole Hinder, Vorstandsmitglied des Vereins PHSH. Die Zuhörer und Zuhörerinnen erfahren, dass Nazir eine Gastfamilie gesucht hat, weil er «die eigene Familie vermisste». Sie erfahren auch, dass Ilham alle Schulen in Afghanistan durchlaufen hat. Und dass Siad in die Migros-Klubschule ging, um schneller Deutsch zu lernen, weil es ihm in der Juma-Klasse «zu langsam voranging».

Jumaklasse: Drei Stufen

Zu eben dieser Juma-Klasse äusserte sich Anna Brügel. Die Bereichsleiterin Sprache und Integration beim Schweizerischen Arbeiterhilfswerk SAH (Lokalverein Schaffhausen) betonte, Juma sei ein Angebot für spät eingereiste Jugendliche und junge Erwachsene. Es sei eine Nachregelschulbildung für 15- bis 25-Jährige. Juma, das für «Jugendliche Migranten und Asylsuchende» steht, kennt drei Stufen: In der Stufe 0 wird die Alphabetisierung vorangetrieben, die Stufe 1 widmet sich vornehmlich dem Sprachenlernen und in Stufe 2 werden schulische Kompetenzen generell in den Fokus genommen. Entsprechend dieser Aufteilung durchlaufen nicht alle Absolventen/-innen alle Stufen - je nach Vorbildung. Der Schaffhauser Zweig des SAH hat das Juma-Konzept stark forciert und beansprucht dafür eine Art Vorreiterfunktion, wiewohl das Konzept im Kanton Zürich entwickelt wurde, wie der Leiter des Schaffhauser Sozialamts, Christoph Roost, betonte.

Ilham und Nazir, die beide gut Deutsch sprechen, haben das Juma-Angebot genutzt und sind mittlerweile in der Integrationsklasse am Berufsbildungszentrum (BBZ). «Am Anfang waren die Texte für uns wie Zeichnungen. Am Schluss haben wir sie verstanden», zitierte Nicole Hinder die beiden Afghanen. Siad hat seinen Weg eigenständig gesucht. Er hatte zuerst eine Mechaniker-Lehre in Angriff genommen, scheiterte dann aber an der Mathematik. Mittlerweile arbeitet er als Mechaniker und Chauffeur bei der Firma Rattin.

Ziel: Integration in den Arbeitsmarkt

Die Integrationsklasse ist ein Ausbildungsgefäss im Rahmen des Berufsvorbereitungsjahrs (BVJ) am BBZ. Die Funktion ist die gleiche wie früher, als es noch zehntes Schuljahr hiess: Die Absolventen/-innen sollen in den Arbeitsmarkt integriert werden. Prorektor Nils Tanner, der für die Integrationsklasse zuständig ist, schilderte die beiden Modelle, die geführt werden. Da ist zum einen das Vollzeitmodell, welches keine berufliche Erfahrung voraussetzt. Diejenigen, die dieses Modell belegen, sind in der Regel zwischen 15 und 25 Jahren alt. Neu seit diesem Jahr besteht das Arbeitsbegleitungsmodell. Hier wird berufliche Erfahrung vorausgesetzt und ist für 25- bis 35-Jährige gedacht. Um in eines der beiden Modelle zu kommen, müssen die Bewerber/-innen motiviert sein, einen anerkannten Aufenthaltsstatus haben (B, C oder F) und die Absicht, eine berufliche Grundausbildung zu absolvieren.

Bei Bewerbern/-innen mit einer Migrationsgeschichte klafften die Wunsch- und die reale Welt oft auseinander, sagte Tanner. Informatiker oder Arzt zu werden, sei praktisch unmöglich. Auch eine KV-Ausbildung sei in der Regel unerreichbar. Genau dies aber streben Ilham und Nazir an. Ilham möchte Mediamatiker werden, Nazir Informatiker und Kaufmann. «Wir hatten in den vergangenen Jahren nur gerade einen Absolventen mit migrantischem Hintergrund, der es in eine Informatiker-Lehre geschafft hat», so Tanner. Falls der Status nicht den Vorgaben zur Teilnahme in der Integrationsklasse entspreche, suche man «pragmatische Lösungen», meinte Tanner auch. Und Roost ergänzte, es sei in den letzten zwei Jahren nur drei Mal vorgekommen, dass jemand die Lehre habe abbrechen müssen, weil er einen negativen Asylentscheid erhalten habe.

Coaching und Deutsch lernen

Jacqueline Aerne schliesslich, Co-Leiterin im Bereich Integration beim Sozialamt, stellte in ihrem Kurzreferat die Rolle und die Aufgaben des Sozialamts dar. Der übliche Integrationsverlauf beinhaltet laut Aerne zwei Jahre Juma, ein Jahr Integrationsklasse und zwei bis vier Jahre berufliche Ausbildung (mit parallel laufenden Deutschkursen). Letzteres findet in enger Kooperation mit dem SAH im «Haus der Kulturen» am Krebsbach statt. Teil der Ausbildung hier sind auch Beschäftigungsprogramme, die u.a. eine Potenzialabklärung zum Ziel haben.

Die Absolventen/-innen werden im weitesten Sinn gecoacht. Sie werden in Bewerbungstechniken eingeführt und erlernen grundlegende IT-Techniken. Das Sozialamt bemüht sich stets, sie in den Arbeitsmarkt zu bringen. Denn das, darin waren sich am Anlass alle einig, sei das prioritäre Ziel. Der «goldene Weg» zur beruflichen Wunschkarriere in der Schweiz kann jedoch ein steiniger sein. Auf die Schlussfrage von Nicole Hinder an die drei jungen Männer, was denn unter diesen Bedingungen für sie Heimat sei, meinte einer: «Wo man Träume verwirkllichen kann.»  

Fotos: Thomas Meier