Geflüchtete Kinder begleiten

06.09.2017

Es gibt wertvolle Projekte, bei denen es um nichts weniger als um Menschenwürde geht. Das Projekt «Accanto» ist so eines. Geleitet wird es von Bettina Looser, Bereichsleiterin Heterogenität. Im Rahmen der vom Verein PHSH initiierten Vortragsreihe «Ankommen» hat sie das Projekt am 5. September vorgestellt.

Das Bild vom Rucksäcklein hat sich bei den Studierenden der PHSH mittlerweile eingeprägt. Ein Kind ist auf der Flucht. Im Rucksack trägt es seine Geschichte mit sich. Der Pyjama, die Medikamente, die Süssigkeiten, evtl. ein Stofftier, ein Talisman. Sie zeugen von der Fürsorge der Eltern, vom Überlebenswillen auch. «Accanto» (an der Seite) ist ein Wahlmodul, das Studierende an der PHSH belegen können. Ihre Aufgabe ist es, ein Flüchtlingskind im Schweizer Alltag zu begleiten.

Runde Tische wichtig

Vor einer interessierten Zuhörerschar berichtete Bettina Looser mit Verve vom Projekt. Sie schilderte, was es braucht, damit die oben beschriebene Begleitung überhaupt möglich wird. Nötig sind zunächst einmal «runde Tische», an die sich nicht nur die Flüchtlingsfamilien und die Studierenden, sondern auch Dolmetscher/-innen und Sozialbetreuer/-innen setzen. Es müssen die Rechte und Pflichten geklärt werden, es müssen Sicherheitsfragen beantwortet werden. Und schliesslich, so die Referentin, brauche es von allen Beteiligten eine formelle Zusage.

Als Ziele des Projekts nannte die PHSH-Dozentin eine ganze Reihe. So soll namentlich zwischen den Kindern und den Studierenden eine Beziehung entstehen. Dabei müssten die Studenten/-innen die Lebenswelt der Kinder kennen lernen und einen Perspektivenwechsel eingehen. Sie müssten auch ihre eigene «soziokulturelle Rahmung» reflektieren - ein eminent wichtiger Prozess. Bettina Looser: «Die Studierenden müssen ihre eigene Brille nicht ablegen, aber sie müssen sich ihrer Brille bewusst sein.»

Ausserschulische Kompetenzen

Für die Kinder soll die Begleitung durch die Studierenden ermöglichen, dass sie sich Kompetenzen im ausserschulischen Bereich aneignen (z.B. ein Billett kaufen). Damit verbunden sind gemäss Bettina Looser stets auch Sprechanlässe. Darüber hinaus offeriere «Accanto» Bildungschancen und berge soziales Kapital. Ein Stück weit werde so die Isolation durchbrochen, in der sich Flüchtlingskinder automatisch befänden. Wichtig sei die Teilhabe an der Umwelt.

Bettina Looser verschwieg nicht, dass es beim Projekt eine ganze Serie von Herausforderungen zu bewältigen gelte, etwa das Finden der richtigen Nähe-Distanz-Position, das Erwerben eines guten Rollenverständnisses, auch das Aushalten der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit betreffend Zeitaufwand. «Und manchmal ist es auch notwendig, die Mitte zwischen Lehren und Belehren zu finden - was nicht immer so einfach ist», ergänzte Looser.

Anfang nicht einfach

Im an das Referat anschliessenden Podiumsgespräch äusserten sich vier Studierende, die am Projekt dieses Jahr beteiligt waren. Johann Hellemann berichtete, dass der Anfang für ihn nicht einfach gewesen sei. Man habe sich gegenseitig quasi abgetastet. Der Ball sei erst beim zweiten Mal ins Rollen gekommen. Von einem langen Beziehungsaufbau erzählte auch Danielle van de Kamp. Anfänglich spürte sie bei ihren Begegnungen mit den Kindern nur wenig Resonanz. Erst nachdem die Eltern der Kinder ihr schilderten, diese könnten es jeweils kaum erwarten, bis die Studentin komme, war das Eis gebrochen.

Barbara Hess und Andreina Miozzari beleuchteten auf eine entsprechende Frage aus dem Publikum das Ende der Begleitung. Barbara Hess sagte, sie habe es offen gelassen, ob die Beziehung aufrecht erhalten werde. «Wir werden uns sicher ab und zu mal wieder treffen.» Andreina Miozzari betonte, sie betrachte es bis zu einem gewissen Grad als Verpflichtung, die Beziehung zum Kind nicht einschlafen zu lassen. Ob sie ab und zu auch in der Lehrerrolle gewesen seien, wurden die Studierenden gefragt. Die Antwort: nur selten. «Einmal haben wir Lesen auf der Rutschbahn geübt», lachte Andreina Miozzari.   

Es ist etwas entstanden

Alles in allem blieb der Eindruck haften: Da ist im Rahmen der Ausbildung etwas Tolles, etwas Wertvolles entstanden. Wie die Referentin zeigten sich auch die Studierenden als sorgfältig reflektierende Menschen, die um eine transkulturelle Erfahrung reicher geworden sind. Diese Einschätzung formulierte auch Herbert Bühl, Präsident des Vereins PHSH, welcher die Moderation des Anlasses übernommen hatte.

Die Vortragsreihe «Ankommen» wird am 12. September bzw. am 19. September mit zwei weiteren Veranstaltungen fortgesetzt (Details siehe Flyer auf der Frontseite dieser Website).